
22.09.2009, 17:57 Uhr
Die Eisflächen in den polaren Regionen schrumpfen (Foto: AWI)
Bislang galt die Arktis als eine schier endlose, weiße Wüste. Doch die Satellitenbilder vom Institut für Meereskunde an der Universität Hamburg offenbaren eine dramatische Entwicklung: Die Eisfläche nimmt rapide ab. Im September 2007 waren es nur noch 4,14 Millionen Quadratkilometer Eis, nie zuvor wurde so wenig gemessen. Erstmals waren die Nordwest- und die Nordostpassage wieder eisfrei. Eine Animation über den Zeitraum der Jahre 2000 bis 2008 reiht Satellitenaufnahmen eines jeden Monats aneinander - und macht den Eisrückgang sichtbar.
Animation Die Eisausdehnung aus Satellitenperspektive
Ein Grund für den dramatischen Eisrückgang: Die Polarregionen erwärmen sich schneller als der Rest der Erde. "Wir haben hier Rückkopplungseffekte, die sich selbst verstärken", erläutert Klimaexperte Kaleschke. Bereits eine leichte Temperaturerhöhung setzt gefährliche Kettenreaktionen in Gang. Dadurch reagiert die Arktis sehr viel empfindlicher auf veränderte Klimabedingungen als andere Regionen.
Die bekannteste und zugleich auch verheerendste Kettenreaktion, durch die gigantische Eismassen zum Abtauen gebracht werden, ist die so genannte Eis-Albedo-Rückkopplung. Wenn das Eis schmilzt, kommt das offene Meer zum Vorschein. Im Gegensatz zur weißen, glitzernden Eisfläche ist der Ozean beinahe schwarz. Dieser Farbunterschied jedoch ist entscheidend für eine starke Erwärmung: Während Eis den größten Teil der Sonnenstrahlen zurück in den Weltraum reflektiert, nimmt das dunkle Wasser die Sonnenenergie auf und erwärmt sich. Das Meer heizt sich auf. Die Folge: immer mehr Eis schmilzt.
Doch es gibt noch weitere Rückkopplungseffekte, die dazu führen, dass die Eisfläche am Nordpol bei steigenden Temperaturen rapide abnimmt. Die Forscher vom Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften haben eine interessante Beobachtung gemacht: "Seit wir Satellitensensoren haben, die das Brom in der Atmosphäre messen können, wissen wir auch, wo sich das Brom befindet - und zwar über den Meereisflächen. Das war eine große Überraschung", sagt Professor Kaleschke. Noch sind nicht alle Zusammenhänge restlos entschlüsselt: "Wir müssen jetzt daran arbeiten, die Prozesse grundlegend zu verstehen."
Den entscheidenden Hinweis lieferte dann eine Expedition des Alfred-Wegener-Instituts. Die Wissenschaftler hatten auf einer noch jungen Eisschicht in der Arktis eine Vielzahl kleiner, filigraner Salzkristalle entdeckt - Professor Kaleschke nennt diese hauchdünnen Gebilde beinahe liebevoll "Meereisblumen". Eine treffende Bezeichnung. Sie wachsen da, wo das salzige Meerwasser zu einer neuen Eisdecke gefriert. Das Wasser verdunstet und es entstehen zerbrechliche Blüten aus Salzkristallen. Diese Meereisblumen nehmen das im Meerwasser natürlich vorkommende Brom auf. Und genau dieser Vorgang ist für das Klima wichtig.
Wenn die zwei bis drei Zentimeter kleinen Eisblumen von der Sonne beschienen werden, wird das Brom wieder freigesetzt. Es gelangt in die Luft - und baut das gefährlich Ozon ab. Wenn nun aber die Salzkristalle durch steigende Temperaturen in ihrem Wachstum behindert werden, kann auch weniger Brom freigesetzt werden. Dadurch nimmt die Ozonkonzentration zu. Und Ozon als Treibhausgas wiederum führt zu einer verstärkten Erwärmung - eine katastrophale Rückkopplungsschleife beginnt.
Das Meereis bedeckt zwar riesige Flächen. Aber es ist nur eine ganz hauchdünne Schicht auf dem Ozean. Der Durchmesser beträgt lediglich zwei Meter - nichts im Vergleich zu dem an dieser Stelle etwa 3000 Meter tiefen Ozean. Diese für das Klima so wichtige, aber eben relativ dünne Eisschicht ist sehr empfindlich. "Ich gehe davon aus, dass wir bis zum Ende des Jahrhunderts im Winter noch eine Eisbedeckung haben werden. Im Sommer allerdings taut das Eis immer mehr weg", warnt Klimaforscher Kaleschke. Ein eisfreier Nordpol könnte als bereits in wenigen Jahren Wirklichkeit sein.
Von Ulrich Weih
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